Article Post on 19 May 2017

Wirtschaftsstandort Luxemburg – Interessante Perspektiven für deutsche Rechtsanwälte

_ In den letzten Jahren ist der Bedarf an hochwertiger Rechtsberatung in Luxemburg auf Grund wirtschaftlicher, rechtlicher und regulatorischer Gegebenheiten stark gestiegen. Das gilt insbesondere für Mandanten aus dem deutschsprachigen Raum und eröffnet Perspektiven für in Deutschland ausgebildete Rechtsanwälte.


Luxemburg gehört zu den kleinsten Flächenstaaten der Welt. Mit rund 2.580 Quadratkilometern und 576.000 Einwohnern ist es das zweitkleinste Land der Europäischen Union. Als Wirtschaftsstandort und Finanzplatz hat Luxemburg allerdings erhebliche Bedeutung – gerade für Deutschland und den deutschsprachigen Raum. Das liegt nicht allein an der geografischen Nähe und der zentralen Lage Luxemburgs.

 

Besondere Beziehung

Jeden Tag pendeln tausende Arbeitnehmer von Deutschland nach Luxemburg. Fast die Hälfte der Bevölkerung im Land sind Ausländer, Deutsche stellen darunter eine der größten Gruppen. Deutschland ist auch der wichtigste Handelspartner Luxemburgs. Während der bei weitem größte Anteil exportierter Waren und Dienstleistungen nach Deutschland geht, ist die Bundesrepublik beim Import zweitwichtigster Handelspartner nach Belgien. Diese wirtschaftliche Bedeutung zeigt auch die Existenz deutsch-luxemburgischer Vereinigungen wie der Deutsch-Luxemburgischen Wirtschaftsinitiative (DLWI) oder dem Deutschen AnwaltVerein Luxemburg.

 

EU-Mitglied mit Standortvorteilen

Anders als beispielsweise Liechtenstein ist Luxemburg zudem Mitglied der Europäischen Union sowie der Eurozone. Viele europäische Institutionen sind daher im Land ansässig wie der Europäische Gerichtshof, die Europäische Investitionsbank, das Europäische Parlament, der Europäische Investitionsfonds und der Europäische Rechnungshof. Zukünftig soll zudem das Berufungsgericht des einheitlichen Patentgerichts seinen Sitz in Luxemburg haben.

Aber auch auf Grund seines rechtlichen und politischen Umfelds ist Luxemburg für Unternehmen, insbesondere aus dem deutschsprachigen Raum, interessant. Das Land bietet nicht nur ein attraktives Steuersystem, sondern allgemein unternehmensfreundliche Gesetze und Regulierungen. Das zeigt unter anderem das besonders flexible, erst kürzlich umfassend reformierte Gesellschaftsrecht. Zunehmende Bedeutung hat Luxemburg auch für Start-ups, die etwa von einer günstigen steuerlichen Behandlung profitieren. Inzwischen sind zahlreiche Unternehmen aus Finanz- und Biotechnologie in Luxemburg ansässig, auch deutschsprachiger Gründer.

 

Amtssprache Deutsch

Von großer Bedeutung ist aus deutscher Sicht, dass Deutsch neben Luxemburgisch und Französisch eine der Amtssprachen beziehungsweise Verwaltungssprachen des Landes ist. Zwar wurden die meisten Gesetze in französischer Sprache abgefasst, die relativ unbürokratische Kommunikation mit den Behörden ist aber in deutscher Sprache möglich. Gerichtsprozesse können in deutscher Sprache geführt werden – auch wenn dies eher selten der Fall ist. Zudem können gesellschaftsrechtliche Dokumente, wie Satzungen oder weitere notariell zu beurkundende Dokumente, ohne Beifügung einer Übersetzung in deutscher Sprache abgefasst werden.

 

Finanzzentrum und Fondsstandort

In Folge des Brexit könnte Luxemburgs Bedeutung als eines der wichtigsten Finanzzentren für den deutschsprachigen Raum noch steigen. Zahlreiche Banken haben ihren Hauptsitz oder zumindest eine Niederlassung im Land. Unter den ansässigen Bankhäusern stammt der mit Abstand größte Anteil aus Deutschland. Für die Banken und Versicherungen ist gerade die Fondsbranche von hohem Interesse. Gemessen an den verwalteten Vermögenswerten ist Luxemburg in Europa größter und weltweit nach den USA zweitgrößter Fondsstandort. Ein Drittel aller UCITS-Fonds (Undertakings for the collective investment in transferable securities) und 60 Prozent aller in Europa aufgelegten alternativen Investmentfonds sind in Luxemburg ansässig.

 

Unternehmensfreundlicher Gesetzgeber

Dass der Luxemburger Gesetzgeber um die Attraktivität des eigenen Fondsstandorts bemüht ist, hat sich in der Vergangenheit wiederholt gezeigt: beispielsweise bei der zügigen und interessensgerechten Umsetzung der Richtlinie 2011/61/EU des Europäischen Parlaments und des Rats vom 8. Juni 2011 über die Verwalter alternativer Investmentfonds. Ebenso trat kürzlich ein Gesetz über sogenannte vorbehaltliche alternative Investmentfonds in Kraft, die beispielsweise in den gerade im Niedrigzinsumfeld immer wichtigeren Bereichen Real Estate und Private Equity investieren können. Wie sich bereits nach kurzer Zeit beobachten lässt, ist es so gelungen, die Attraktivität des Fondsstandorts Luxemburg noch weiter zu steigern. Zwar ist dessen Verwalter wie bisher reguliert, der Fonds selbst im Unterschied zu einem Spezialinvestmentfonds aber nicht. Damit soll insbesondere eine Möglichkeit geschaffen werden, um die bedeutsame „time-to-market“ zu reduzieren. Eine vergleichbare Struktur existiert – soweit ersichtlich – im deutschsprachigen Raum nicht.

 

Deutsche Versicherungen vor Ort

Die Attraktivität des Finanz- und Fondsstandorts haben auch deutsche Versicherungen erkannt. Einige operieren bereits über Tochtergesellschaften oder mit Hauptsitz in Luxemburg. Viele setzen zudem aktuell wegen der Solvency II-Vorgaben Fondsstrukturen in Luxemburg auf, über die Investments in verschiedenen Bereichen getätigt werden sollen. Ihr Ziel ist es, die nach deutschem Versicherungsrecht geltenden Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen, zum anderen aber auch die Investments in einem regulierten Vehikel zentral zu verwalten.

 

Hoher Bedarf nach Rechtsberatung

Vor diesem allgemeinen Hintergrund überrascht es wenig, dass die Nachfrage nach Beratung im Luxemburger Recht, insbesondere im Gesellschaftsrecht, Bank- und Finanzrecht, Steuerrecht sowie Fondsrecht steigt. Das gilt gerade bei grenzüberschreitenden Sachverhalten – auch zwischen dem deutschsprachigen Raum und Luxemburg. Hinzu kommt, dass in letzter Zeit die Regulierung auf europäischer Ebene durch zahlreiche Richtlinien und Verordnungen im Finanz- und Fondsbereich erheblich zugenommen hat. Für Unternehmen aus diesem Bereich wird es damit zunehmend schwieriger, diese regulatorischen Vorgaben einzuhalten.

Das zeigt sich auch an der Anzahl in Luxemburg zugelassener Rechtsanwälte. Im Gerichtsjahr 2015/2016 waren bei der Rechtsanwaltskammer Luxemburgs, dem Barreau de Luxembourg, rund 2.300 Rechtsanwälte zugelassen. Damit hat sich diese Zahl seit dem Gerichtsjahr 2000/2001 nahezu verdreifacht. Die europäische Gesetzgebung ermöglicht es Rechtsanwälten, mit der Zulassung des einen Mitgliedstaats ebenfalls in einem anderen Mitgliedsstaat tätig zu werden. Ohne Ablegung einer weiteren Prüfung ist auch in Luxemburg lediglich ein Eintrag in die Liste der nationalen Rechtsanwaltskammer erforderlich. Im Gerichtsjahr 2015/2016 stammten mehr als 500 der in Luxemburg zugelassenen Rechtsanwälte, also rund 22 Prozent, aus dem EU-Ausland.

 

Rechtsanwälte aus Deutschland

Auch die Nachfrage nach in Deutschland zugelassenen, aber in Luxemburg tätigen Rechtsanwälten wächst durch die intensiven Beziehungen der Nachbarländer. Sie sind insbesondere gefragt, da sie als in Deutschland bestens ausgebildete Juristen Mandanten aus dem deutschsprachigen Raum in ihrer eigenen Sprache und mit Kenntnis der deutschen und luxemburgischen Geschäftsgepflogenheiten und Unternehmenskultur beraten können. Gerade letzteres ist von erheblicher Bedeutung, da Missverständnisse zumeist durch fehlende Kenntnisse der unterschiedlichen Gepflogenheiten und der Kultur in den verschiedenen Ländern und nicht vorrangig durch sprachliche Barrieren verursacht werden.

 

Proaktive, deutschsprachige Experten

Die große Mehrheit der in Luxemburg zugelassenen Rechtsanwälte wurde in Luxemburg und Frankreich ausgebildet. Doch rechtliche und regulatorische Gegebenheiten deutschsprachiger Mandate werden von deutschen Rechtsanwälten – in der Regel besser als von anderen Rechtsberatern – nicht erst im laufenden Projekt erkannt, sondern im Vorfeld proaktiv analysiert und können somit unmittelbar in die Rechtsberatung mit einfließen. So ist sichergestellt, dass diese grenzüberschreitenden Projekte reibungslos und im Einklang mit den rechtlichen Rahmenbedingungen durchgeführt und zum Abschluss gebracht werden. Etwaige Transaktionsdokumente können von deutschen Rechtsanwälten zudem unproblematisch in deutscher Sprache erstellt werden.

In der Praxis besteht beispielsweise bei deutschen Immobilienfinanzierungen Bedarf an einer grenzüberschreitenden Rechtsberatung. Dabei treten häufig Luxemburger Gesellschaften als Darlehensnehmer und Sicherheitengeber auf. Zudem entsteht oft ein bank- und versicherungsrechtliches Spannungsfeld, da in Luxemburg teilweise strengere Vertraulichkeitsgrundsätze als in Deutschland gelten, etwa beim Versicherungsgeheimnis.

 

Anforderungen an deutsche Rechtsanwälte

Die meisten in Luxemburg niedergelassenen Rechtsanwälte sind entweder in bekannten und etablierten Luxemburger Rechtsanwaltskanzleien oder in den zahlreichen internationalen Rechtsanwaltskanzleien tätig, die auch auf dem deutschen Markt bekannt sind.

Von in Deutschland zugelassenen Rechtsanwälten erwarten diese Kanzleien insbesondere die Bereitschaft, sich in das Luxemburger Recht einzuarbeiten. Dieses ist allerdings wesentlich weniger umfangreich als das deutsche Recht. Hierbei sind Kenntnisse der französischen Sprache zumindest von Vorteil. Erforderlich sind zudem gute Englischkenntnisse und die Bereitschaft, in einem internationalen Umfeld zu arbeiten. Natürlich ist auch ein guter Studienabschluss förderlich ebenso wie ein finanzwirtschaftliches Interesse.

Im Gegenzug können Kanzleien in Luxemburg deutschen Rechtsanwälten eine interessante Perspektive in einem spannenden und internationalen Arbeitsumfeld bieten. Referendare und Berufseinsteiger sollten daher einen Blick ins Nachbarland werfen, wenn sie ihre weitere Karriere planen.

 

_ This article was released in the "JURAcon Jahrbuch 2017/2018" (book for German law students and young lawyers interested in career opportunities / professional development).

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